Es mag seltsam klingen, aber in diesem Frühling habe ich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, wie es Frühling wurde.

Ich habe zum ersten Mal so richtig wahrgenommen, dass die Bäume gestern noch kahl waren und heute bereits Blätter tragen. Den Moment, in dem sich die Blüten öffnen, habe ich natürlich verpasst, aber überhaupt so intensiv zu registrieren, dass plötzlich alles grün ist, empfinde ich gerade als großes Geschenk.

Ich habe meine Kinder darauf aufmerksam gemacht und sie freuen sich plötzlich über jeden Busch, den sie entdecken, der jetzt grüne Blätter trägt.

Das klingt in manchen Ohren eventuell ein wenig kitschig, aber es ist wirklich eine Bereicherung, wenn man merkt, dass man sich über solche Ereignisse freuen kann. Überhaupt die Tatsache, dass ich sie jetzt bemerke, ist für mich ein großes Glück.

Denn sie hat etwas damit zu tun, wie ich mein Leben mittlerweile führe. Der Fokus hat sich so sehr verändert, dass ich teilweise überrascht bin, wie weit ich mich von der Person entfernt habe, die ich noch vor ein paar Jahren war. Vielleicht bin ich aber auch wieder zu der Person zurückgekehrt, die ich ursprünglich einmal war? Wer weiß das schon so genau?

Kann man die jeweiligen „Susannen“, die ich in verschiedenen Lebensabschnitten war, für gut oder schlecht bewerten? Ich finde das wäre totaler Quatsch. Jeder Lebensabschnitt mit all seinen Umständen und Verhaltensweisen, die mich dann entsprechend ausgemacht haben, war für sich gesehen gut. Er war gut für diese Zeit. Er war gut für mein Wachstum. Jede Erfahrung, die ich dabei gemacht habe, war wichtig und gut. Ich bin nicht stolz auf jede davon. Aber sie gehören zu mir. Ich trage sie in mir und schätze sie als wertvolles Puzzlestück, das mein Leben gelenkt hat.

 

Nun bin ich also in einem Lebensabschnitt angekommen, in dem ich plötzlich bewusst meine Umwelt wieder wahrnehme. Tatsächlich stehe ich häufig abends am Fenster und nehme all das wahr, was der Tag hinterlassen hat. Kennt ihr den Geruch eines vergangenen Tages? Die Abendluft? Sie wird in der Stadt anders riechen als auf dem Land, aber sie riecht immer komplett anders, als am Morgen. Und auch diese Luft ist einfach nur wundervoll!
Echt doof, dass ich so ungern früh aufstehe…

Mir geht es jetzt weniger um die chemischen und atmosphärischen Prozesse, die dahinterstecken, als vielmehr darum, das Ganze überhaupt wahrzunehmen und zu genießen. Für ein paar Minuten innezuhalten und den Tag Revue passieren zu lassen. Ich mache das gerne, wenn die Kinder im Bett sind. Als Start des Abendprogramms öffne ich das Fenster und denke an das was heute war und was ich mir für die nächste Zeit wünsche. Das kostet nicht viel, aber glaubt mir, es tut unendlich gut.

 

Bewusst sein, bedeutet für mich auch immer bewusst wahrzunehmen, wie gut es mir gerade geht. Besonders dann, wenn ich eigentlich der Meinung bin, dass gerade alles Mist ist. Sobald ich anfange aufzuzählen, was alles wertvoll in meinem Leben ist und wofür ich dankbar bin, werden die negativen Gedanken verdrängt und machen einem Gefühl von Verwunderung Platz, worüber ich mich eigentlich beschwere. In jeder noch so ätzenden Situation findet sich etwas, wofür man dankbar sein kann und was einen glücklich macht. Glaubt mir, ich kann das wirklich beurteilen. Wer einmal um das Leben seines Kindes fürchten musste, kann nachvollziehen, wie schwer es sein kann, in so einer Zeit noch etwas Gutes zu finden.
Ich glaube, ich habe noch nie so viele dankbare und glückliche Momente gehabt, wie in dieser Zeit.
Natürlich hatte ich vorher auch viele glückliche Momente. Aber in dieser besonderen Zeit sind die oberflächlichen Freuden deutlich nach hinten gerückt und machten den Blick frei für die tief gehenden und wertvollen Freuden. Wow! Wie philosophisch…

Mir ist bewusst geworden, welch großes Glück es bedeutet eine Familie zu haben. Eine Familie, die über uns Vier hinausgeht. Ein Zusammenhalt von Eltern, Großeltern und Geschwistern, Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen. Aber auch die Freunde müssen an der Stelle mit einbezogen werden, weil auch sie einen wesentlichen Beitrag zum Glück geleistet haben. Zurückhaltung und gleichzeitige Präsenz. Das richtige Maß an Anteilnahme und Ablenkung. Was haben wir uns über die vielen liebevollen Gesten (Luftballons, Päckchen, Karten, etc.) gefreut. Die vielen kleinen Videobotschaften, die voller Liebe für uns und besonders für meine Tochter waren. Ohne, dass es großer Worte bedarf. Einfach nur die Zeit, die uns von jedem Einzelnen geschenkt wurde, in der er sich uns gewidmet hat, war für uns wertvoll und erscheint mir im Nachhinein als so besonders.

Jedem, den ich von dieser Zeit berichte, erzähle ich, dass sie trotz der furchtbaren Umstände, eine unglaublich wertvolle Zeit war.

Eine meiner größten Erkenntnisse war, dass Stress uns den Familienalltag versaut.
Unser durchgetacktes Leben mit seinen Plänen, Terminen und Zeitvorgaben, verursacht so viel Unzufriedenheit und Ärger und wir sind uns dessen viel zu wenig bewusst. Wir empfinden den Alltag als anstrengend, sind genervt und fühlen uns abgehetzt. Am Ende sind wir traurig und frustriert, weil wir die Kinder angemeckert haben und wieder einmal viel zu wenig Zeit hatten uns gemeinsam mit ihnen zu freuen.

Während der Behandlung meiner Tochter, befanden wir uns in einer Art Blase. Mittendrin aber dennoch abseits der normalen Welt. Wir hatten einen festen Termin am Tag, den wir Dank der familiären Unterstützung ganz entspannt abhandeln konnten. Den restlichen Tag verbrachten wir ganz im Einklang mit unseren Bedürfnissen. Abgestimmt auf die Kinder, aber auch so, dass es uns Erwachsenen ebenfalls gefiel. Keine Hektik, kein Stress, kein Druck, kaum Verpflichtungen und keine Erwartungen von außen. Auch dieser Umstand wurde mir erst im Nachhinein bewusst. Wir hatten in dieser Zeit so gut wie nie Stress mit den Kindern. Sie waren völlig entspannt, weil wir es waren. Und das alles, obwohl wir uns doch in einer massiven emotionalen Stresssituation befanden.

Natürlich gab es auch in dieser Zeit emotionale Tiefpunkte, deren Auslöser meist einfach nur die Angst war. Aber selbst diese wurden durch den nicht vorhandenen zeitlichen Druck und die Fürsorge durch Familie und Freunde aufgefangen und überwunden.

 

Ich möchte euch an dieser Stelle elf Faktoren nennen, die mir gezeigt haben, wie einfach man glücklich sein kann und die vieles im Leben erleichtern:

  • Familie wertschätzen und „pflegen“
  • Gegenseitige Fürsorge
  • Auf die eigenen Bedürfnisse hören
  • Energieräuber und Zeitfresser aufdecken und sich zumindest teilweise davon verabschieden
  • Die Kinder als Kinder erleben und von ihnen lernen (sie entschläunigen so ungemein)
  • Klar und deutlich kommunizieren was einem wichtig ist und was man von anderen braucht
  • Gute Freundschaften pflegen
  • Oberflächliche Bekanntschaften ruhen lassen und sich auf die wichtigen konzentrieren (dafür ist einfach keine Zeit)
  • Die vermeintlich kleinen Ereignisse (neue Blätter an den Bäumen) wahrnehmen und wertschätzen. Sie machen schon so glücklich, dass es nicht mehr bedarf.
  • Sich selbst wertschätzen und ein Mitgefühl für sich selbst zulassen.
  • Spiritualität (an irgendwas glauben – völlig egal an was oder wen)

 

Für all diese Faktoren gilt es, dass man sich bewusst darüber wird, was einem wichtig ist. Aber Achtung! Es sind nicht die Ziele, die wir erreichen wollen.

Sondern das Gefühl, das hinter der Erfüllung unserer Ziele steht.

 

Es grüßt euch

Eure Susanne

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