Die Wut auf die eigenen Kinder ist kein schönes Thema, ja es ist nahezu ein Tabuthema. Gerade deshalb möchte ich darüber schreiben, denn ich weiß, dass es viele Mütter gibt, die meine Erfahrungen teilen.

In meinen Augen ist es besonders wichtig, auch die vermeintlich unschönen Themen anzusprechen. Die Themen, für die wir uns schämen, bei denen wir schwach werden und uns als Versagerin fühlen. Es ist nämlich unglaublich erleichternd, wenn wir hören, dass wir damit nicht alleine sind!

 

Ich behaupte, dass Wut bei Familien allgegenwärtig ist. Die Menschen freuen sich immer ungemein, wenn sie eine Familie mit zwei artigen Kindern sehen, die nicht rumschreien und auf ihre Eltern hören. Wenn die Eltern wiederum auf ihre Kinder eingehen und sie alle ein Bild größter Harmonie abgeben. Aber wehe, wenn dem nicht so ist!

Wer kennt sie nicht, die Situation auf der Straße oder noch beliebter, im Supermarkt.
Ein schreiendes, um sich tretendes Kind und eine Mutter, die sich irgendwo zwischen einem dieser vier Verhaltensmuster bewegt:

  1. Beschwichtigen
  2. Maßregeln
  3. Flucht ergreifen (Kind unter dem Arm)
  4. Entspanntes Abwarten

Zumeist wird auf die Reaktion der Mutter geachtet. Wie verhält sie sich. Greift sie zu sehr ein, lässt sie es sich bieten oder bleibt sie entspannt. Egal wie sie sich verhält – es wird falsch sein.

Die Wut beim Kind ist normal und wichtig für die Entwicklung und es gibt tausende von Ratgebern, wie man damit umzugehen hat. Aber was ist mit unserer Wut? Unsere Wut verbirgt sich hinter der Selbstbeherrschung. Hinter Verzweiflung und Scham. Eine gute Mutter kann sich beherrschen. Sie hat sich im Griff. Weiß, wie man die Dinge korrekt und gesellschaftlich anerkannt löst.

 

Mir ist all das bekannt und dennoch gebe ich zu: Ich bin erschrocken, welche Aggression meine eigenen Kinder bei mir auslösen können.

Die Menschen, die ich am meisten auf dieser Welt liebe, können Gefühle in mir auslösen, wie ich sie nicht in mir vermutet habe.

Interessanterweise im negativen wie im positiven. So sehr ich sie liebe, so sehr kann ich auch wütend auf sie sein. Kann man das vielleicht auch nur bei Menschen, die man liebt. Liegen Liebe und Hass tatsächlich so nahe beieinander?

Das Wort „Hass“ empfinde ich als sehr störend im Zusammenhang mit meinen Kindern. Aber es ist schon sehr erstaunlich, wie wütend und gleichzeitig auch hilflos sie mich manchmal machen können. Dieses Gefühl, wie sich die Wut in mir aufstaut, wie es förmlich in mir kocht. Ich kann mir dabei geradewegs zusehen und trotzdem bricht es aus mir heraus.
Es ist meist ein Akt der Verzweiflung, des nicht Weiterwissens, der Hilflosigkeit und der Müdigkeit. Alles zusammen ist ein mäßig hilfreicher Cocktail und er lässt mich dann doch all die Dinge machen, die ich mir so fest vorgenommen habe, nicht zu tun:
Brüllen, Drohen, Wenn-Dann-Sätze, bis drei zählen …
Am schlimmsten finde ich aber das Gefühl, das mich manchmal überkommt, dass ich sie am liebsten schütteln würde. Fast schon ein Gefühl von: ich will Dir wehtun.

Das finde ich so unfassbar schrecklich und es fällt mir schwer, hier darüber so offen zu schreiben. Den Satz habe ich mittlerweile bereits dreimal wieder gelöscht und dennoch will ich hier ehrlich berichten, wie es mir manchmal geht.

Ich bin überhaupt kein aggressiver Mensch. Im Gegenteil! Ich hasse Gewalt! Ich sehe ungern Filme mit übermäßig vielen und brutalen Gewaltszenen und ich verabscheue Menschen, die sich nicht unter Kontrolle haben. Denn das habe ich zum Glück! Ich habe mich unter Kontrolle und ich weiß, dass ich meinen Kindern niemals weh tun werde!

 

Mir fällt es besonders schwer, souverän zu bleiben, wenn ich müde bin und viel um die Ohren habe. Dann bringe ich generell wenig Geduld für mein Umfeld auf und dann läuft das sorglose Verhalten der Kinder dazu komplett konträr.

Da bin ich auch schon wieder an meinen erwachsenen Vorstellungen über den Tagesablauf angekommen. Die Kinder haben ihr aktuelles Spiel im Kopf und ich die Uhr und meine Termine. Ich mache Druck, sie Gegendruck bzw. verlangsamen komplett. Es ist unfassbar ermüdend, ständig antreiben zu müssen und trotzdem zu spät zu kommen. Und es macht mich wahnsinnig, wenn ihnen immer noch was einfällt, womit sie mich auf die Palme bringen. Am schnellsten gehe ich allerdings in die Luft, wenn gelacht und gegrinst wird und ich das Gefühl vermittelt bekomme, dass es ihr oder ihm mal gerade völlig am A… vorbei geht, was ich gerade gesagt habe.
Besonders der Kleine mit seinen zweieinhalb Jahren findet es immer total lustig, wenn ich schimpfe. Er nimmt das überhaupt nicht ernst und hat seinen Spaß dabei. Leider vergesse ich dann allzu oft, dass er ja auch einfach erst zweieinhalb Jahre alt ist. Und auch mit viereinhalb Jahren kann ich noch nicht viel Einsicht und vorausplanendes Denken erwarten.  Es liegt an mir, die Situation in den Griff zu bekommen. Nicht an den Kindern! Zumindest noch nicht!

Aber ich muss auch lernen, mir meine Wut zu verzeihen und zu verstehen, weshalb es überhaupt so weit gekommen ist.

Wären es nicht Kinder auf die ich wütend bin, hätte ich und jeder andere, mit Sicherheit sofort Verständnis für mich. Oder würdet ihr euch von jemand anderem bieten lassen, was sich eure Kinder zum Teil erlauben? Interessant ist jedoch, dass wir einen Kollegen oder Freund, der sich so benimmt, niemals in der Art und Weise anreden würden, wie wir es mit unseren Kindern tun. Warum dann also bei den eigenen Kindern? Kommt hier eine Art Machtverhältnis zum Vorschein? Oder ist es einfach die soziale Komponente? Zu nah und eng beieinander. Zu viel Liebe? Wer sich zu häufig sieht, fetzt sich auch mehr und heftiger?

Unsere Kinder sind kleiner, schwächer und unerfahren. Sie sind uns ausgeliefert und auf uns angewiesen. Sie lieben uns (noch) bedingungslos, selbst dann, wenn wir ihnen richtiges Leid zufügen würden.
Wenn wir das Gefühl haben jemand ist auf uns angewiesen, dann verhalten wir uns ihm gegenüber anders, wie wenn er es nicht wäre. Aber bei unseren Kindern haben auch wir eine Art Abhängigkeit. Hier handelt es sich nicht um einen Partner oder einen Kollegen, von dem ich mich im Ernstfall trennen kann. Wir hängen an unseren Kindern fast so, wie sie an uns. Wir lieben sie abgöttisch und wir können uns nicht vorstellen, dass ihnen irgendwer Schaden zufügt.
Ich glaube, dass daraus ein Konflikt in uns Eltern entsteht. Dieser setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen: äußere Umstände (Zeitdruck), körperliches Befinden (Müdigkeit), inneres Empfinden (Liebe), Gefühle (Hilflosigkeit), gesellschaftliche Norm (Beherrschtheit), Verständnis und Unverständnis. Dieser Konflikt löst in uns Wut und Aggression aus, gleichzeitig aber auch Trauer und Verzweiflung.

Wir können versuchen, uns aus solchen Situationen zu lösen und Abstand zu gewinnen.

Das ist nicht immer leicht, denn meistens entstehen sie, wenn wir unter Zeitdruck stehen oder uns in der Öffentlichkeit befinden. Aber egal wie und wo: es gilt zu allererst immer erst einmal durchzuatmen. So oft, bis die Wut zurückweicht. Erst dann kann ich die Situation wieder neutraler und mit Abstand betrachten.

Aber Achtung!
Es ist auch wichtig, dass unsere Kinder sehen, dass wir unsere Grenzen haben.
Auch wir können irgendwann einmal nicht mehr und es ist richtig, wenn die Kinder das verstehen lernen.  Wir dürfen mit uns gnädiger sein und uns Wut und Fehlverhalten zugestehen. Es ist ein Lernprozess für uns alle – auch für unsere Kinder.

Ich denke oft an mich, wie ich mich gefühlt habe, wenn meine Mutter mich angebrüllt hat. Es war nicht schön! Aber ich habe gemerkt, dass ich jetzt einen Schritt zu weit gegangen bin und habe es mir gemerkt. Zumindest sind einige Szenen noch sehr deutlich in meinem Gedächtnis. Ok. Ich war keine vier mehr, aber das zeigt, ich muss mich auf jeden Fall jetzt schon für weitere fünfzehn Jahre rüsten und es ist mit Sicherheit nicht verkehrt, wenn ich mir heute schon Gedanken mache, wie ich mit meiner Wut umgehen werde.

 

Es grüßt euch
Eure Susanne